„Alles, was man auf Erden nur werden kann, wird der Schlesier mit Leichtigkeit“ – zum 200. Geburtstag von Gustav Freytag

Nur unsichere Ahnungen hatte man früher in der Außenwelt von dem schlesischen Gemüt: dem allerliebsten Gemisch von polnischer Lebhaftigkeit und altsächsischer Bedächtigkeit, von gutmütiger Einfalt und kalkulierendem Scharfsinn, von sentimentaler Weichheit und reflektierender Ironie, von lauter Fröhlichkeit und andächtigem Ernst.
Wer unterhält seine Kameraden auf der Gesellenbank? Der Schlesier. Wer weint mit seiner Geliebten im Mondenschein? Der Schlesier. Wer wischt sich diese Tränen mit dem Tabaksbeutel ab und denkt zuletzt: "Es ist doch alles Wurscht"? Der Schlesier. Wem steigt der Wein am schnellsten zu Kopf, und wer hält doch am längsten beim Becher aus? Wieder der Schlesier. Wer verzückt sich am tiefsten in mystischer Gottseligkeit, und wer spricht am gleichgültigsten mit dem Teufel? Immer der Schlesier. Alles, was man auf Erden nur werden kann, wird der Schlesier mit Leichtigkeit: Engländer und Russe, Minister und Seiltänzer, Posaune und Klapphorn, fromm und gottlos, reich und arm. Am liebsten wird er allerdings Poet, weil ihm das die Einseitigkeit erspart, irgend etwas Spezielles zu werden.


Kaum einer hat mit diesen Worten den Schlesier trefflicher charakterisiert als Gustav Freytag, der -selbst ein Schlesier- am 13. 7. 1816 in Kreuzburg/OS als Sohn des dortigen Bürgermeisters geboren wurde. Seine Gymnasialzeit verbrachte er in Oels, ab 1835 studierte er Philologie, Kulturgeschichte und Germanistik, wie man heute sagen würde (damals sprach man vornehmer von „deutscher Sprache und Dichtung“). Geprägt wurde er vor allem von seinem akademischen Lehrer August Heinrich Hoffmann, den wir besser unter seinem Pseudonym „Hoffmann von Fallersleben“ kennen. Von ihm übernahm er auch die national-liberale Gesinnung, die damals gerade unter den deutschen Sprachwissenschaftlern gepflegt wurde, man denke nur an die Gebrüder Grimm und andere.
Der Titel seiner Dissertation, „Über die Anfänge der dramatischen Poesie bei den Germanen“, gibt schon einen Hinweis auf sein Denken, das sich vor allem den sprachlichen Ursprüngen der  besonders von den Nationalliberalen postulierten deutschen Kulturnation widmete.
Nach Promotion und Habilitation wurde Freytag 1839 Privatdozent für deutsche Sprache und Dichtung an der damals noch recht jungen Universität in Breslau. Das Gelehrtendasein befriedigte ihn aber keineswegs, und so lebte er ab 1844 als freier Schriftsteller. 1847 übersiedelte er zunächst nach Dresden, ein Jahr später dann nach Leipzig. Dort trat er in revolutionsschwangerer Zeit als Redakteur und Mitherausgeber in den Dienst der Zeitschrift „Die Grenzboten“. Dieses politisch-literarische Blatt gehörte zu den wichtigsten Organen der Nationalliberalen.
Seit 1842 schrieb Freytag auch eigene Dramen und Lustspiele. Charakteristisch für seine politische Grundhaltung ist das 1854 veröffentlichte Lustspiel „Die Journalisten“. In ihm führt er den damals neuen Typ des Journalisten in die literarische Landschaft in Gestalt des Zeitungsredakteurs Konrad Bolz -im Stück auch „Hanswurst“ genannt- ein, der für den liberalen Professor Oldendorf den Wahlkampf organisiert. Dabei verfährt er nicht zimperlich, bringt schließlich die entscheidenden 8 Wahlmänner auf die Seite Oldendorfs, so daß dieser die Wahl gegen seinen Kontrahenten, den Oberst Berg, gewinnt. Er schildert das alles auf  humoristische, die Parteien und den Journalismus zwar kritisierende, aber keineswegs verwerfende Weise. Freytag will kein Drama auf die Bühne bringen, seine Geschichte hat einen optimistisch stimmenden Ausgang, sie geht in allgemeiner Versöhnung zu Ende. Bergs Tochter Adelheid verliebt sich in Konrad Bolz und kauft die Zeitung auf.
Wie oft bei Freytags Werken, so lohnt auch hier zuweilen ein Blick auf die Namen mancher Protagonisten. So heißen zwei der für Schmeicheleien und Vorteilsversprechungen offenen Bürger und Wahlmänner, deren Seitenwechsel die Wahl Oldendorfs ermöglicht, sicher nicht zufällig „Piepenbrink“ und „Kleinmichel“.
Besonderes Interesse entwickelte Freytag in den Folgejahren an der Mentalitätsgeschichte der einzelnen deutschen Stämme, wie ja seine schönen Worte über die Schlesier bezeugen. Hermann Pongs bezeichnete deshalb sein kulturgeschichtliches opus magnum, die zwischen 1859 und 1867 verfaßten „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“, zurecht als eine „Seelenbiographie des deutschen Volkes“.
Am bekanntesten jedoch dürfte dem heutigen Literaturliebhaber der in den Jahren 1853/54 geschriebene und 1855 veröffentlichte Roman „Soll und Haben“ sein. Ganz in nationalliberalem Duktus kritisiert dieser Roman Adel und Judentum. Ersterer wird vor allem durch den Gutsbesitzer v. Rothsattel, der mit der neuen kapitalistischen Zeit nicht zurechtkommt, repräsentiert. Letzteres läßt er in Gestalt des gewissenlosen und von Vernichtungswillen geprägten, weil in seiner Jugend zutiefst gedemütigten, Juden Veitel Itzig auftreten. Als positives Gegenbild zu Adel und Judentum entwirft er ein Bild des ehrbaren und tugendhaften deutschen Kaufmanns, der im Roman sicher nicht zufällig den Namen Anton Wohlfahrt trägt. Jedenfalls blieb dieser Roman in der literarischen Fachwelt umstritten: Stifter und Hebbel dagegen, Fontane und Hauptmann dafür.
Auch politisch schieden sich an Freytag schon zu Lebzeiten die Geister. In Sachsen stand man ihm vielerorts skeptisch gegenüber, in Preußen wurde er gar wegen eines kritischen Artikels betreffs der Niederschlagung des sog. Schlesischen Weberaufstandes steckbrieflich gesucht. Einzig in Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha fand er einen Freund und Förderer. Deshalb lebte er seit Anfang der 50er Jahre vorwiegend in Siebleben bei Gotha. 1854 verlieh ihm Herzog Ernst den Titel eines gothaischen Hofrates.
1867 zog Freytag als Gothaischer Abgeordneter in den sog. Norddeutschen Reichstag ein und schloß sich dort der nationalliberalen Fraktion an. Ganz im Sinne der Fraktion verfocht er die sog. kleindeutsche Lösung. Den Deutsch-Französischen Krieg erlebte er als Kriegsberichterstatter im preußischen Hauptquartier.
Zwischen 1872 und 1880 entstand sein letztes großes Werk, der Romanzyklus „Die Ahnen“. Darin schilderte er das Schicksal einer Familie von der germanischen Vorzeit bis ins 19. Jahrhundert. Mit diesem sechsbändigen Werk leistete er für das sich im 19. Jahrhundert herausbildende deutsche Nationalbewußtsein einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.
Seit den späten 70er Jahren verbrachte Freytag die kalten Wintermonate im lauen Wiesbaden. Dort verstarb er, inzwischen auch in Preußen hochgeehrt, am 30. 4. 1895. Noch vier Jahre vor seinem Tode, also mit 75, hatte er zum dritten Male geheiratet. Er hinterließ einen Sohn (ein weiterer Sohn war bereits 1891 verstorben) aus zweiter und eine Stieftochter aus dritter Ehe.
Seine nationalliberale Gesinnung muß man nicht teilen, seinen bildungsbürgerlichen Fortschrittsglauben mag man als inzwischen unzeitgemäß abtun, am tiefen Einblick, den seine Werke in die landsmannschaftlich geprägte Seele des Menschen vermitteln, dürfen wir auch heute uns noch erfreuen, besonders natürlich, wenn wir Schlesier sind!

Lic. theol. D. C. Metzig

Literatur:
Freytag, Gustav: „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“, Berlin-Grunewald, o. J.
Freytag, Gustav: „Die Journalisten“, Hirzel, Leipzig, 1895
Freytag, Gustav: „Soll und Haben“, Knaur, Berlin, 1934
Koch, Max: „Geschichte der deutschen Literatur“, Sammlung Göschen, Stuttgart, 1893
Pongs, Hermann: „Lexikon der Weltliteratur“, Pattloch, Augsburg, 1989
Schulz, Wolfgang: „Große Schlesier“, Felgentreff und Goebel, Berlin, 1984

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