Christentum verbindet – 1050 Jahre Taufe Polens

Polen löst bei den meisten Deutschen immer noch zwiespältige Assoziationen aus. Das konnte man jüngst wieder merken, als sich die Außenminister Deutschlands und Polens zum 25-jährigen Gedenken der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrages in Berlin trafen. Trotz beiderseitigem Bemühen gelang es nicht, eine wirklich entkrampfte Atmosphäre herzustellen.
Auch in unserer Leserschaft ruft die Erwähnung Polens bzw. „der Polen“ wahrscheinlich  ambivalente Wahrnehmungen hervor. Für die einen ist das Polenbild immer noch bestimmt durch die nicht bewältigen Traumata der Nachkriegszeit, die Erinnerung an Demütigungen und den Verlust persönlichen Eigentums, an Flucht und Vertreibung. Andere, eher vorurteilsbeladene Zeitgenossen, denken vielleicht zuerst an Einbrüche und Autodiebstähle.
Wieder andere sind irritiert von der gegenwärtigen Politik der polnischen Regierung, ihrer betonten Bezugnahme auf das Christentum und die abendländischen Traditionen. Und schließlich gibt es dann noch diejenigen, die gerade deswegen mit einer gewissen Bewunderung über Oder und Neiße hinwegblicken. Zu letzteren zählt sich der Verfasser selbst.
Fragt man nach den Quellen der im Vergleich zu anderen Ländern zähen polnischen Christlichkeit, so jährt sich heuer eine zum 1050. Male: die Taufe Polens.
Im Jahre 966 nahm Mieszko I. (960-992) für sich und sein Volk das Christentum nach lateinischem Ritus an, nach Meinung mancher Historiker übrigens während eines Hoftages in Quedlinburg. Vorausgegangen war dem die Heirat mit Dubrawa (Dobrawa, Dubravka), der Tochter des böhmischen Herzogs Boleslaus I. Diese kam bereits aus christlichem Hause, denn Böhmen hatte bereits unter Wenzel I. (929) das Christentum angenommen.
Allein das zeigt schon, daß die Taufe Polens kein Alleinstellungsmerkmal darstellte, sondern Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung im mitteleuropäischen Raume war. Und so schuf der Übertritt zum Christentum nicht nur engere Verbindungen nach Böhmen, sondern überhaupt zum Ottonenreich, zu dem Böhmen ja seit Wenzels Tagen gehörte.
Die Verbundenheit zu einem Reich, das sich seit Ottos Kaiserkrönung 962 zunehmend als Heiliges Römisches Reich verstand, bestimmte die Geschichte Polens auch in der Folgezeit. Bereits Mieszko I. wurde als „amicus imperatoris“, als Freund des Kaisers, bezeichnet. 985 unterstellte er sich formell Kaiser Otto III., im Folgejahr huldige er demselben wiederum auf dem Hoftag zu Quedlinburg als Vasall.
Otto III. war es dann auch, der nach Mieszkos Tod im Jahre 1000 mit Zustimmung von Papst Silvester II. das Erzbistum Gnesen einrichten ließ, dem er das ebenfalls neu gegründete Bistum Breslau und das schon unter Miezko 968 eingerichtete Bistum Posen als Suffragandiözesen unterstellte. Mieszkos Nachfolger Boleslaus I. übertrug er die Aufgabe, den Kaiser im Gebiet der Slawen als „cooperator imperii“ zu repräsentieren.
Freilich existierte neben dieser Verbundenheit zum Heiligen Römischen Reich auch immer das Bestreben nach größerer Unabhängigkeit von demselben. Davon zeugt schon die 1024 erfolgte Königskrönung Boleslaus I. in Gnesen.
Trotzdem bildete sich die polnische Eigenstaatlichkeit in enger Beziehung zum Heiligen Römischen Reich aus. Die Selbstdefinition desselben als corpus christianum und katechon (=Aufhalter der Endzeit) konnte gerade einem christlichen polnischen Staatswesen nicht gleichgültig sein.   Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, daß gerade die ersten Königskrönungen mit ausdrücklicher Zustimmung des Kaisers als dem höchsten Repräsentanten des Reichs und weltlichem vicarius christi vorgenommen wurden.
Selbst als sich in Zeiten des 30-jährigen Krieges das Heilige Römische Reich in denkbar schlechter Verfassung befand, stellte der römische Kaiser Ferdinand III. eine solche Autorität dar, dessen Einflußnahme bewirkte, daß der sog. Große Kurfürst 1641 dem polnischen König Ladislaus IV. für das preußische Lehen huldigen mußte.
Ein letztes großes Zeichen polnischer Reichsverbundenheit markiert das Jahr 1683. Am 1. April schlossen Kaiser Leopold I. und König Johann Sobieski eine Allianz gegen das Osmanische Reich. Dieses schickte sich unter Großwesir Kara Mustafa an, seinen Einflußbereich gen Westen auszudehnen. Vom besetzten Ungarn aus marschierten die türkischen Truppen Mitte Mai auf Wien zu und belagerten vier Monate die Stadt. Am 12. September gelang es den alliierten Truppen unter Führung von Johann Sobieski, bei der Schlacht am Kahlenberge die türkischen Truppen vernichtend  zu schlagen und damit das Osmanenreich entscheidend zu schwächen. Das christliche Abendland war gerettet, das Heilige Römische Reich hatte dank polnischer Hilfe einen entscheidenden Sieg errungen.
Gut 100 Jahre später begann für Polen die Zeit der Teilungen und Fremdherrschaft. Das Heilige Römisches Reich hat den polnischen Staat (III. Teilung) nur gut 10 Jahre überlebt. Heute ist es nur noch ein Gegenstand der Geschichtsbetrachtung. Der polnische Staat allerdings ist nach Zeiten der Fremdbestimmung seit einem guten Vierteljahrhundert wieder souverän. Daß er sich derzeit betont christlich gibt, stellt ihn in beste alte Reichstradition. Insofern Mitteleuropa sich anschickt, an diese wiederanzuknüpfen, findet es jenseits von Oder und Neiße hoffnungsvolle Ansätze. Darauf aufbauend könnte Europa zu seiner eigenen Kraft zurückfinden, die im Zeichen des Kreuzes nicht nur äußere Feinde überwunden hat, sondern auch nationale Gegensätze und Feindseligkeiten unserer Tage, ja auch die Traumata zwischen Deutschen und Polen, heilen helfen könnte.
Lic. theol. Dirk Carolus Metzig

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